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  • AutorenbildKatja Hammerschmidt

Kein Pferd macht absichtlich etwas falsch - was steckt hinter der Widersetzlichkeit Deines Pferdes?

Aktualisiert: 10. Feb.



Ein dunkelbrauner Wallach mit grosser weisser Blesse galoppiert über eine herbstliche Weide.



Dein Pferd widersetzt sich, ist ungehorsam, macht nicht, was Du Dir wünscht? Du hast ein "Problempferd"?


... mal abgesehen davon, dass es Deinen Alltag mit Pferd nicht wirklich leicht macht - ich fühl Dich da total - sage ich: "Freu Dich darüber, denn Dein Pferd spricht mit Dir!"


Herzlichen Glückwunsch! Und das meine ich ernst...

Kein Pferd macht absichtlich etwas falsch. Kein Pferd widersetzt sich ohne Grund. Kein Pferd verweigert sich, einfach weil es keine Lust hat. Im Gegenteil - alle Pferde, die ich kenne, geben sich die größte Mühe zu verstehen und zu erfüllen, was wir von ihnen erwarten.


Lass uns da mal näher hinschauen...



Kein Pferd macht absichtlich etwas falsch - das steckt hinter der Widersetzlichkeit Deines Pferdes


Flight, Fight, Freeze, Flirt - die Mechanismen des Pferdes um Angst und Stress zu meistern


Das Pferd ist ein Fluchttier. Erkennt es eine Gefahr, reagiert es reflexartig mit Flucht (= Fight) oder Kampf (= Fight) oder Einfrieren (= Freeze). Eine weitere Option des Pferdes ist die beschwichtigende Kommunikation (= Flirt), um eine Gefahr oder Stress abzuwenden.


  • FLIGHT In der Regel wird ein Pferd versuchen zu fliehen, wenn es Gefahr wahrnimmt und Angst bekommt.

  • FIGHT Manche Pferde entscheiden sich, bei Gefahr zu kämpfen, wenn eine Flucht nicht möglich oder aussichtsreich ist. Wittert die Stute Gefahr für sich und ihr Fohlen, wird sie vermutlich eher kämpfen, als mit dem Fohlen zu fliehen. Ist ein Pferd in extremer Bedrängnis ohne Fluchtmöglichkeit ist der Kampf eine seiner Optionen. Auch Hengste wählen in manchen Situationen den Kampf.

  • FREEZE Es gibt aber auch Pferde, die sich tot stellen bzw. einfrieren, sobald sie einer Gefahr oder extremem Stress ausgesetzt sind. Nach außen wirken diese Pferde total ruhig und abgeklärt. Sie geben sich, als könnte die Situation sie gar nicht aus der Ruhe bringen. Innerlich sind sie jedoch total angespannt und gestresst und fürchten um ihr Leben.

  • FLIRT Ein Konflikt in der Herde oder ein Mensch, der dem Pferd droht, wird meistens nicht als lebensbedrohlich eingestuft. Pferde versuchen in dem Fall, die Situation durch Beschwichtigungsgesten zu klären. Das kann ein Gähnen sein oder Leerkauen. Auch Kopfschütteln oder Wegschauen dienen der Deeskalation.


Welche Strategie das Pferd wählt, um eine Gefahren- oder Stresssituation abzuwenden, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Unter anderem:


  • Wie lebensbedrohlich wird die Lage eingeschätzt? Beim Säbelzahntiger ergreift das Pferd die Flucht. Beim Menschen wird es vielleicht eher beschwichtigen.

  • Was für einen Charakter hat das Pferd? Araber werden eher zur Flucht neigen, als Kaltblüter.

  • In welchem Umfeld tritt die Gefahr auf? Im Gebirge ist eine Flucht wesentlich gefährlicher als in der Steppe.


"Was bringt mir diese Erkenntnis in Bezug auf mein Pferd?", fragst Du Dich jetzt. Ich gebe Dir ein paar Beispiele:



Beispiel 1: Dein Pferd wird böse, wenn Du satteln oder gurten möchtest


Dein Pferd steht am Putzplatz, weil Du satteln möchtest. Es ist angebunden, weil man das ja in Pensionsställen in der Regel so macht. Es kann also nicht weglaufen.

Ist diese Situation unangenehm für Dein Pferd, wird es z.B. zunächst den Kopf zur Seite drehen oder ein Stück weggehen (FLIRT), sobald es den Sattel sieht. Es will Dir mitteilen, dass etwas an der Situation nicht in Ordnung ist. Vielleicht hat es Schmerzen, der Sattel passt nicht oder es ist kitzelig oder das Anbinden am Putzplatz ist mit einer unangenehmen Erinnerung verknüpft.


Beachtest Du seine Signale nicht und versuchst den Sattel aufzulegen, wird es Dir vielleicht mit angelegten Ohren drohen oder auch nach Dir schnappen (FIGHT). Weglaufen (FLIGHT) kann es ja nicht. Denn es ist angebunden. Wenn Du Dein Pferd jetzt für sein Verhalten strafst und es sattelst, kann es dazu kommen, dass Dein Pferd einfriert und sich nicht mehr gegen das Satteln wehrt (FREEZE). Das heisst aber nicht, dass es mit dem Satteln einverstanden ist. Das heisst nur, Dein Pferd sieht keinen Ausweg mehr aus dieser belastenden Situation. Wenn Du Dein Pferd in so einer Situation strafst, weil es sich nicht "gebührlich" benimmt, wird das sein Verhalten in keiner Weise verbessern. Im Gegenteil, Dein Pferd versteht gar nicht, warum es jetzt gestraft wird. Es möchte Dir ja nur mitteilen, dass etwas nicht in Ordnung ist.



Beispiel 2: Dein Pferd mag nicht mit Dir zusammen den Hof verlassen


Andere Situation: Du möchtest mit Deinem Pferd spazieren gehen oder ausreiten. Schon an der Aufstiegshilfe bleibt Dein Pferd nicht ruhig stehen, damit Du aufsitzen kannst. Es dreht sich weg oder geht einige Schritte zurück (FLIGHT). Vielleicht legt es auch nur die Ohren an, um seinen Unmut kundzutun (FLIRT) oder Dir zu drohen (FIGHT). Dir gelingt es schließlich aufzusitzen und Du reitest los. Aber Dein Pferd weigert sich aber den Hof zu verlassen. Es bleibt einfach stehen und geht keinen Schritt weiter (FREEZE).


Versuchst Du jetzt, Dein Pferd vorwärts zu zwingen, z.B. durch Schläge mit der Gerte oder Druck mit den Sporen, kann es sein, dass nichts passiert. Dein Pferd bleibt weiter stehen und rührt sich nicht. Ist Deine Bestrafung unangenehm genug, hat Dein Pferd die Wahl zwischen Pest oder Cholera: mit seinem Menschen auszureiten, obwohl es z.B. Angst davor/Schmerzen hat oder die Schläge weiter aushalten. Ist die Bestrafung für Dein Pferd schrecklicher, wird es vermutlich irgendwann weitergehen. Aber dann ist es im Modus der erlernten Hilflosigkeit angekommen. Jeder Ausweg aus dieser Situation ist für Dein Pferd mit Angst und/oder Stress verbunden.


Frag Dich bitte, "Was kann die Ursache für sein Verhalten sein?", anstatt Dein Pferd einfach nur vorwärts zu zwingen. Vielleicht kannst Du ihm für den Ausritt nicht genug Sicherheit geben. Vielleicht tun ihm die Hufe weh. Vielleicht hat Dein Pferd in der Ferne ein gruseliges Geräusch gehört. Oder es hat Schmerzen, weil der Sattel nicht passt. Es gibt viele mögliche Ursachen. Aber das sind alles Ursachen, an denen man mit Einfühlungsvermögen, Geduld und Übung etwas ändern kann. Druck und Zwang bewirken nur kurzfristig etwas - wenn überhaupt.



Beispiel 3: Mein Pferd hat am Putzplatz nach den anderen Pferden getreten


Jetzt noch ein ganz anderes Beispiel dafür, dass wir manchmal die Aktionen bzw. Reaktionen unserer Pferde falsch deuten...


Stand mein Pferd Maël am Putzplatz und jemand führte sein Pferd hinter meinem entlang, trat mein Pferd gezielt nach dem anderen Pferd. Ihr müsst wissen, dass Maël ein sehr sanftmütiges Pferd und allen anderen Pferden im Stall freundlich gesinnt ist. Umso unerklärlicher für mich, warum er auf einmal nach den anderen Pferden trat.


Die Auflösung der Frage erhielt ich in einem Gespräch mit ihm. Von alleine wäre ich wohl nie im Leben drauf gekommen...


Maël hatte bemerkt, dass ich öfters genervt war, wenn jemand am Putzplatz an uns vorbei ging. Ich musste dann nämlich meistens das Putzen unterbrechen und Platz machen. Also wollte er mir helfen, indem er nach den anderen Pferden trat und diese dann - so seine Überlegung - zukünftig nicht mehr an uns vorbei gingen.


Was hätte es gebracht, wenn ich ihn für sein Austreten gestraft hätte?



"Hört auf das, was wir ohne Worte sagen. Seht den Sinn hinter dem, was wir euch zeigen. Folgt eurer Intuition. Folgt der Liebe. Denn wir Pferde lieben euch Menschen. Wir sind gerne bei euch. Sonst würden wir uns nicht so viel Unsinn von euch gefallen lassen." Maël 2023


Das kannst Du tun, wenn Dein Pferd nicht macht, was Du Dir von ihm wünscht


Als ersten Schritt...


Wenn Dein Pferd ungehorsam, widersetzlich ist, hat das immer einen Grund.


Ungehorsam, Widersetzlichkeit, Verweigerung - das kannst Du alles aus Deinem Vokabular streichen. Und streich aus Deiner Wahrnehmung auch gleich die Kommentare von Trainern oder Stallkollegen: "Der verarscht Dich nur." "Dem musst Du mal zeigen, wer das sagen hat." "Mach dem mal Dampf unterm Hintern."


Druck und Strafe führen Dich nie zum Ziel. Druck und Strafe verzögern oder verhindern Lernprozesse. Druck und Strafe erzeugen Stress und Angst. Und es wird immer etwas geben, was Deinem Pferd mehr Angst macht, als Dein Druck oder Deine Strafe.


Macht Dein Pferd nicht, was Du Dir von ihm wünscht, bleib ruhig und entspannt. Und dann geh auf Ursachenforschung und frag Dich


  • Hast Du Dich klar ausgedrückt?

  • Bist Du fokussiert und selbstsicher?

  • Kann Dein Pferd Deine Anfrage körperlich umsetzen?

  • Hat Dein Pferd Schmerzen oder ist es krank?

  • Ist die Ausrüstung optimal auf Dein Pferd angepasst?

  • Hat Dein Pferd vor etwas Angst?


Vielleicht versuchst Du kleinschrittiger an die Sache heranzugehen.


Darüber hinaus erkundige Dich nach der Vergangenheit Deines Pferdes. Hat es Ereignisse in der Vergangenheit gegeben, die Dein Pferd nachhaltig traumatisiert haben? Diese Ereignisse können auch heute noch das Verhalten von Deinem Pferd beeinflussen.



Und danach...


Achtsame und respektvolle Kommunikation auf Augenhöhe mit Deinem Pferd wird Dich Deinem Ziel näher bringen.


Arbeite an Dir selbst. Verbessere Deine Fitness und Dein reiterliches Können. Erweitere Dein Wissen über Pferde. Schule Deine Wahrnehmung und Intuition. Arbeite daran, Deinem Pferd ein verlässlicher Partner zu sein. Welche Ereignisse der Vergangenheit haben Dich geprägt? Welche alten Glaubenssätze hindern Dich an Deiner Entwicklung?


"Echt jetzt?", fragst Du. "Ja, echt jetzt.", sag ich.


Die Arbeit an Dir wird die Beziehung zu Deinem Pferd nachhaltig verbessern.


Und was Du noch tun kannst...


Sprich mal mit Deinem Pferd. Hör Dir seine Sicht der Dinge an. Oft haben Pferde ganz passable Ideen, wie man ein Problem lösen kann. Und auch bei Deinem Pferd kannst Du z.B. mit Hilfe von systemischem Coaching schauen, welche vergangenen Ereignisse heute noch prägend für sein Verhalten sind. Diese aufzulösen bzw. zu integrieren - wie man so schön sagt - wird Euch in Eurer gemeinsamen Entwicklung ein ganzes Stück weiter nach vorne bringen.


💖 Pferde sind hochsensibel. Sie nehmen, Energien wahr. Sie reagieren auf unsere Gefühle. Sie hören und sehen Dinge, die wir nicht wahrnehmen, weil sie zu weit entfernt sind. Sie kommunizieren mit uns erst ganz leise. Nur wenn wir nicht richtig zuhören, werden sie laut. 💖





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